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Der Rucksack

Der Weg zu mir selbst begann im Dezember des Jahres 1999. Ich war mir damals nicht bewusst, dass in diesem Jahr tatsächlich der Übergang in ein neues Zeitalter seinen Anfang nahm. Für mich zählte nur, dass meine kleine Welt sich grundlegend veränderte. Ob die Brüche, die ich damals vollzogen habe, notwendig waren, weiß ich nicht. Doch das spielt heute keine Rolle mehr. Ich bin den Weg gegangen, den ich gewählt habe und das mit der mir eigenen Dynamik: mit enormer Kraftanstrengung.

Es gab viele Etappen auf diesem Weg: Zwischenziele, glückliche und unglückliche Wendungen, kraftvolle und kraftlose Zeiten, doch es gab immer nur ein Ziel: Ich wollte es leicht haben. Ich wollte, dass mein Leben spannend, glücklich, aber vor allem entspannt war. Und was vielleicht beruhigend klingt: Ich wusste, dass all das geht und zwar zusammen! Und ich wusste, dass ich dieses Ziel erreichen würde - nur wie und vor allem wann, das war mir schleierhaft. Das war das Beunruhigende an der ganzen Sache, denn eines war ich nicht: geduldig.

Ich war niemand, der die Hände in den Schoß legen und abwarten konnte. Ich war es gewohnt, meine Ziele durch Leistung, Einsatz und Aktivität zu erreichen. Wenn sich das gewünschte Ergebnis nicht einstellte, verstärkte ich meine Anstrengungen exponentiell. Jeder kann sich vorstellen, was das bedeutete. Richtig! Im Jahr 2009 war mein Akku leer. Wenn man es genau nimmt, war er nicht nur leer, sondern kaputt. Er lud sich nicht wieder auf.

Immerhin war ich noch so weit mit mir in Kontakt, dass ich vor dem Kollaps die Notbremse zog. Anfang 2010 buchte ich eine lange Reise nach Los Angeles und für den Sommer nahm ich mir vor, den Jakobsweg zu pilgern. Obwohl mir erst nach den Reisen die Symbolik der Geschehnisse bewusst wurde, beschreibe ich das Erlebte in seiner Chronologie.

In LA traf ich auf einen jungen Mann mit dem Namen Guillermo. Er war einer der süßesten Latinos, die mir bisher begegnet waren und wir verstanden uns augenblicklich auf ganz besondere Weise. Guillermo war ein Mann, der Menschen willkommen hieß. Er war lustig, weltoffen und entwaffnend einladend. Eigentlich haben wir nur sehr wenige Stunden miteinander verbracht, viel geredet, und noch mehr gelacht. Es war so leicht, mit ihm zu sein. Und das, obwohl er es nicht immer leicht hatte und bestimmt auch selber nicht immer einfach war. Das war das erste Mal, dass der Name Guillermo in meinem Leben auftauchte.

Dann ging es auf den Jakobsweg. Dieser Weg war für mich ein Symbol des Lebens. Man ging ihn, traf Menschen und verabschiedete sich. Jeder ging den Weg in seinem Tempo und kam in seinem Tempo an. Solange man ihn ging befand man sich in einer Art magischer Energie. Sie war wirklich etwas Besonderes. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so berühren würde. Der Weg war das Leben selbst: magisch, für jeden auf seine Art und Weise.

In der Urlaubszeit, die mir zur Verfügung stand, passten 300 Kilometer rein und wir - eine Freundin und ich - wählten die letzten. Das geschah mehr oder weniger ohne große Überlegungen, wir entschieden uns einfach dafür. Aber im Grunde war es logisch: Ich wollte schließlich Ankommen. Das war mein Ziel. 

Als ich das Cruz de Ferro erreichte, den höchsten Punkt des Weges, schien die Sonne. Hier legten die Pilger seit Jahrhunderten einen Stein ab, den sie von Zuhause mitgenommen und bis hierher getragen hatten. Sie ließen ihn bei dem eisernen Kreuz, an der Kehrtwende des Weges, um symbolisch ihre Last abzulegen. Natürlich ließ ich mir dieses Ritual nicht entgehen. Ich wollte es ja leicht haben. Der Zufall sollte für mich entschieden, wo mein kleiner schwarzer Stein zu liegen kommen wollte. Er klackerte über die anderen Steine hinweg und kam nah bei Kreuz zum Stillstand. "So", dachte ich bei mir, "jetzt noch ein Beweisfoto. Last abgelegt!"

Ich zückte meine Kamera und suchte den besten Ausschnitt. Als der Zoom sich meinem kleinen Steinchen näherte, sah ich erstaunt, dass neben ihm ein Stein lag, auf dem in großen schwarzen Buchstaben ein Name stand: Guillerme. Ich war entzückt. Da hatte doch tatsächlich jemand einen Stein für Guillermo abgelegt! Jetzt machte ich mein Foto auch, um es später Guillermo zu schicken. Er würde sich freuen zu hören, dass seine Last schon am Kreuz lag. Das war am 24. Juli 2010.

Mobirise

Leichter wurde der Weg jedoch nicht für mich. Ich ging - wie so oft in meinem Leben - auch auf dem Jakobsweg weit über meine Grenzen hinaus. Jede Etappe kostete mich eine Menge Kraft. Wir hatten die Zimmer bereits vor unserer Abreise gebucht, so mussten wir abends in einem bestimmten Ort ankommen. Mein nicht gerade fitter Körper plagte sich und trotzdem schaffte ich es und war stolz.

Im Gegensatz zu anderen ging es mir auch immer noch recht gut. Das einzige, was mich ärgerte waren meine Achillessehnen. Die schweren Schuhe zogen an meinen vom jahrelangen Leistungssport beanspruchten Bändern. Wenn ich abends ankam, konnte ich kaum noch laufen. Natürlich machte ich mir Gedanken. Doch unsere Etappen waren nicht zu lang, zumindest nicht für normal fitte Menschen. Also schlurfte ich morgens steif ins Bad und nach einem warmen Bad und einigen beherzten Schritten ging es wieder - also weiter.

Ich traf die unterschiedlichsten Menschen auf dem Weg. Da waren welche, die noch mehr über ihre Grenzen gingen als ich. Vielleicht trug das dazu bei, dass ich mich nicht als gar so verrückt empfand. Aber es gab auch diejenigen, die gut in der Lage waren, auf ihren Körper zu hören und die mir ansahen, dass ich das nicht war. Trotzdem tat es gut, ihnen zu begegnen. Ich nahm sie zumindest schon mal wahr.

Dann kam der Tag, an dem ich die 100-Kilometergrenze vor Santiago überqueren würde. Ich entschied an diesem Punkt des Weges, dass 200 Kilometer ausreichen müssten, um das alte, beschwerliche Leben hinter mir zu lassen. Die restlichen Kilometer würde ich dazu nutzen, in etwas Neues hineinzugehen. Ich schickte eine dementsprechende SMS an diverse meiner Freunde - ich wollte Tatsachen schaffen.

Die Hitze an diesem Tag war unerträglich. Das Thermometer zeigte um die 40 Grad. Zu allem Überfluss vergaß ich in einem Cafe meinen Hut und musste ein gutes Stück zurücklaufen, nur um festzustellen, dass er weg war. Frustriert quälte mich wieder vorwärts. Unterwegs erstand ich eine neue Kopfbedeckung, doch die Sonne brannte und selbst unter den Bäumen war es unerträglich.

Nach schier endlos erscheinenden Wegesmetern kam sie endlich in Sicht: meine Grenze zur neuen Leichtigkeit. Ich machte einen großen Schritt und es passierte: Nichts! Entnervt versuchte es erneut, noch zweimal, doch es gab keinen Puff, nicht mal ein Kribbeln oder eine Gänsehaut, nur: Stille und ... Hitze! Was war das denn für ein Mist!

Aber mal ehrlich: Was hatte ich erwartet?! Trotzdem war ich bitter enttäuscht. Dies war das heilige Jahr des Jakobus. Hier musste es doch Wunder geben, verdammt nochmal! Mit schleppenden Schritten lief ich weiter. Alle paar hundert Meter musste ich Pause machen. Ob ich an dem Tag noch in Portomarin ankommen würde?

Plötzlich keimte neue Hoffnung auf: Meine Freundin war gut informiert und ich erinnerte mich an ihre Aussage, dass man die Entfernungen auf dem Jakobsweg per Satellit neu vermessen hatte. Die tatsächliche Grenze lag nach ihren Angaben fünf Kilometer hinter dem 100-Kilometerstein. Auf, auf, es sind noch 5 Kilometer!

Auf einem kleinen Hügel, kam ich an eine Scheune, in der Pilgerutensilien verkauft wurden. Meine guten Vorsätze waren mir mittlerweile piepegal. Doch heute bin ich mir sicher: Hier muss die eigentliche 100-Kilometergrenze vor Santiago verlaufen. Damals jedoch wollte ich dort lediglich eine Cola kaufen. Ich steckte also meinen Kopf zur Scheunentür hinein.

Schnell erkannte ich, dass der Verkäufer dabei war, seinen Laden zu schließen. Der Mann erkannte jedoch ebenso schnell, dass ich kurz vorm Knockout stand. Er verschwand in der Küche und kam mit einem Glas echter Zitrone und Zucker zurück. Cola gab es keine mehr. Ich freute mich über diese nette Geste, doch ich las in seinem Gesicht, wie es um mich stand.

Also fragte ich ihn schweren Herzens, ob er nach Portomarin fahren würde. Ich wollte ihn bitten, meinen Rucksack mitzunehmen. Er nickte, machte sich schnell daran, die Türen zu schließen und zeigte dann auf mein Gepäck. Als ich Ausschau nach seinem Auto hielt machte er mir klar, dass er kein Auto habe, aber er würde meinen Rucksack tragen.

Ich riss ungläubig die Augen auf. Wortreich vesuchte ich ihm klar zu machen, dass dies ein Missverständnis wäre. Ich hätte gedacht, er hätte ein Auto und nein, ich könne unmöglich zulassen, dass er MEINEN Rucksack tragen würde. Aber er fackelte nicht lange, gab mir seinen kleinen Tagesrucksack, in dem nur einige Kleinigkeiten waren und schulterte beherzt den meinen.

Dann ging es mit schnellem Schritt weiter. Er zog mich mit sich und es war ein nettes Gespräch. Ich weiß gar nicht, ob es ein wenig Deutsch war, das er sprach oder doch eher Englisch oder ein Mischmasch aus beidem, aber wir verstanden uns. Kurz vor Portomarin gab er mir meinen Rucksack zurück, denn er musste zum Bus. Bereits im Weggehen warf er mir eine Kusshand zu und mit einem kurzen "Buen Camino!" war er verschwunden. Der Mann hieß Guillerme und es war der 30. Juni 2010.

Mobirise



Der Rucksack, so wenig ich auch mit hatte, hing jetzt wie Blei auf meinem Rücken. Es war kaum mehr ein Kilometer, doch er war lang. Hinzu kam der Weg über den Stausee, der glitzernd in der prallen Sonne lag. Diese paar Meter, in denen ich meine Last so brachial auf meinem Rücken spürte, machten mir eines klar: Ich trage hier gar nichts mehr! 

Ab diesem denkwürdigen Tag ließ ich meinen Rucksack fahren. Taxis fuhren ihn für eine geringe Gebühr von Ort zu Ort. An jedem Abend wartete er bereits auf mich, wenn ich ins Hotel kam. Das Gefühl war unbeschreiblich.

Die letzte Etappe kam und wir kamen gut in Santiago an. Am Abend liefen wir durch die Straßen - es war erstaunlich leer. An einer Ecke stand ein Pärchen, das zu einer Gitarre Lieder sang. Wir waren die einzigen, die sich niederließen und ihnen eine Zeit lang zuhörten. Die Musik trug uns davon.

Als wir aufbrachen, ging ich zu ihnen rüber und gab ihnen Geld. "Ihr seid bezaubernd zusammen", sagte ich, "wie heißt ihr?" "Cecilia und Guillerme", sagte der Mann. Nun war ich nicht mehr erstaunt. Ich lächelte in mich hinein und wusste, dass dieser Name zu einem Symbol der Freiheit für mich geworden war. Das war am Abend des 05. Juli 2010.

Am letzten Tag fuhren wir ans Cap Finisterra. Das eigentliche Ende des Caminos und früher dachte man, es sei auch das Ende der Welt. Hier verbrennt man in alter Tradition etwas, das man während des Weges am Körper getragen hat. Das Feuer reinigt und löst das Alte sozusagen in Rauch auf. Ein Bus brachte uns von Santiago aus bis in den Ort und die restlichen Meter führten uns an der Straße entlang mit einem wunderbaren Ausblick auf das Meer. Auf ungefähr der Hälfte des Weges kamen wir an einem Schild vorbei: „Conxunto de Sant Guillermo“ stand darauf - ich bestieg den Berg des heiligen Guillermo. Ich habe wenig über ihn gefunden, aber er scheint ein Symbol für Fruchtbarkeit und damit für ein neues Leben zu sein. Das war am 07. Juli 2010.

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Als ich auf dem Flughafen meinen Rucksack entgegen nehmen wollte, stellte ich fest, dass er nicht mitgekommen war. Er hatte den Umstieg von einem Flugzeug ins andere verpasst. So fuhr ich ohne ihn nach Hause. Bereits am nächsten Tag wurde er mit der Post zugestellt - ich musste ihn nicht einmal mehr dorthin tragen.

Eine rote Linie zog sich von Los Angeles, der Stadt Engel, über Santiago de Compostella zu mir nach Hause. Sie sprach eine eindeutige Sprache: "Du darfst deinen Rucksack abgeben, wenn du willst und das für immer, aber du musst dich dafür entscheiden."

Und so führt der Weg des Lebens immer nur zurück zu uns selbst. Und das Ziel ist erreicht, wenn es leicht ist. Das Ziel erreicht zu haben bedeutet nicht, dass das Leben vorbei ist. Es geht weiter mit all seinen Aufs und Abs, aber man kann vertrauen, dass der Rucksack getragen wird. Das wichtigste ist zu wissen, dass ich ihn abgeben darf! Und dieses Vertrauen ist es, was das Leben leicht macht. Wenn ich ich selbst bin, kann ich mich spüren und ich weiß, wann es genug ist.
Es fällt mir nach wie vor unglaublich schwer, den Rucksack abzugeben, Grenzen zu setzen und zu halten. Am schwersten fällt es mir, standhaft zu bleiben und auf mein eigenes Gefühl zu achten - aber es lohnt sich!
 
© Ilka Schiller

Anmerkung:
Nach allem, was ich im Internet gelesen habe, geht der Name "Guillermo oder Guillerme" auf den deutschen Namen "Wilhelm" zurück. Zusammengefasst bedeutet dieser Name "der Willensstarke" oder auch "der Entschlossene". Ich kann euch sagen, es hat eine Menge Willenskraft erfordert, meinen Rucksack abzugeben und es erfordert noch immer eine Menge Disziplin. Doch nur, wenn man nicht glaubt alles alleine tragen zu müssen, ergibt sich freie Energie, freie Zeit, freie Kraft, die einem die Chance eröffnet, sich selber zu entdecken und das Leben neu für sich zu erfinden. Das Leben schenkt uns viele dieser Momente, in denen wir Last ablegen oder teilen könnten. Erkennst du sie? Kannst du Hilfe annehmen? Wir können den Weg manchmal nicht verlassen, aber wir können lernen, Chancen zu nutzen.

Merke also:
(Willens)Stärke misst sich nicht daran, wie viel jemand (er)tragen kann, auch nicht daran, wie weit er gehen kann, bevor er unter dem Gewicht zusammenbricht.