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Auf dem Rücken
des Schwans

Ein Schwan zog auf dem ruhigen Wasser des Sees seine Bahnen. Da er nach mir Ausschau hielt, zog er eine leicht ovale Wellenbahn in die ansonsten stille Oberfläche. Die Sonne war im Begriff unterzugehen und die Dämmerung schickte ihre grauen Finger in die Welt. Eine orangefarbene Lichtschneise bahnte sich ihren Weg zu mir herüber. Sie sah aus wie eine Startbahn in den Himmel. Plötzlich schien die Neugier des Schwans zu siegen. Er drehte sich um und schwamm auf mich zu. Versonnen folgte ich seinem Weg und geriet ins Träumen.

Im Geiste sah ich seine weißen Federn und glitt mühelos mit meinen Gedanken immer tiefer in dieses weiche, warme bettartige Gewebe. Ich rutschte an dem groben äußeren Gefieder hinab und kletterte wie auf den Ästen eines Baumes immer weiter. Schließlich ließ ich mich auf die unwahrscheinlich kuscheligen Daunenfedern fallen, die dicht an seiner Hautoberfläche ruhten. 

Das Licht der untergehenden Sonne kam nur gedämpft in mein verborgenes Reich und es umfing mich eine angenehme Wärme. Ich machte es mir auf meinem Federbett gemütlich und ließ mich rücklings von ihm aufnehmen. Immer wieder streichelten meine Finger die weichen Federn und genossen die unbeschreibliche Sanftheit, während mein Blick nach oben, auf das Spiel von Licht und Schatten gerichtet war. Die Geräusche des Wassers waren ein sanftes und entferntes Plätschern. Es war wunderschön hier unten. 

"Wau!", dachte ich, "Hier könnte ich die Welt vergessen." 

Plötzlich nahm ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Ein Schatten huschte vorbei und erschrocken setzte ich mich auf. 

"Ist da jemand?" Nur mit Mühe konnte ich die Vorstellung von Monsterzecken unterdrücken. Mit überkreuzten Beinen saß ich da und schaute verängstigt in die Richtung, in der der Schatten verschwunden war.

Da! Ich zuckte heftig zusammen und wurde gleichzeitig wütend. 

"Hallo?", rief ich energisch. "Zeig dich! Und zwar schnell!", fügte ich hinzu. 

Die Federn vor mir bewegten sich und zwischen den feinen Wedeln steckte ein kleines Wesen seinen Kopf hindurch. 

"Hallo", sagte ein leises Stimmchen zurückhaltend. Gleichzeitig war der Kopf – schwups – wieder verschwunden. Stille folgte. 

So schnell hatte ich das Wesen nicht erkennen können. Doch augenscheinlich und unübersehbar war es klein. Es war kleiner, als ich es im Moment war. Vorsichtig rutschte ich ein wenig nach vorne und schob mit einem Finger die Daunen beiseite. In einer klitzekleinen Nische saß ein klitzekleines Mädchen. Nein, das war eine Fee! Sie hatte sich zusammengekauert und schaute verschüchtert zu mir herauf. 

"Wer bist du denn?", versuchte ich eine zaghafte Kontaktaufnahme. 

Sie blinzelte. Ob sie mich nicht verstand? Sprachen Feen überhaupt die gleiche Sprache wie wir Menschen? 

"Wir sprechen jede Sprache." Sie antwortete in meine Gedanken hinein. 

"Wirklich jede?" Ich war erstaunt. 

"Ja, jede." Sie hob spitzbübisch ihr zartes Kinn und es war unschwer zu erkennen, dass sie stolz darauf war. 

Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. "Das ist mal eine tolle Sache. Ich würde mich auch gerne mit jedem verständigen können." 

Sie grinste. "Das kannst du. Du musst nur Gedankenrede benutzen, dann geht es. Aber ... eigentlich bist du der erste Mensch, bei dem es funktioniert." Sie sah mich forschend an. "Warum geht das bei dir?" 

Verblüfft zuckte ich die Schultern. "Ich habe keine Ahnung. Warum sollte es bei mir funktionieren und bei anderen nicht? Bei wie vielen Menschen hast du es denn bereits probiert?" 

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach, bei Tausenden!" 

Meine Augen weiteten sich vor Erstaunen. "Wirklich! Weißt du was, ich finde es ausgesprochen schön, dass es mit mir funktioniert. Ich wollte mich immer schon gerne mit einer Fee unterhalten. Darf ich dir einige Fragen stellen?" 

"Mach", erwiderte sie lapidar, "aber ich sage dir gleich: Ich kann keine drei Wünsche erfüllen und auch nicht auf andere Art und Weise zaubern." 

Mist! Natürlich wäre ich genau darauf aus gewesen. Jetzt musste ich angestrengt nachdenken, was ich noch erfahren wollte. Also überlegte ich ... und überlegte und überlegte. 

"Na?", fragte sie spitzbübisch und kniff die Augen zusammen. Dann krabbelte sie aus ihrem Versteck und kam zu mir herüber. Sie war wirklich äußerst klein. Selbst in meinem jetzigen Zustand konnte sie mühelos auf meinem Knie Platz nehmen. Vertrauensvoll kletterte sie an meinem Bein hoch und suchte sich eine angenehme Sitzposition in der Kniekehle eines meiner angwinkelten Beine. Sie lehnte sich leicht zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah zu mir herauf.

"Na, kommt da heute noch was?" 

Ich musste erstaunt lachen. "Du bist ein richtiger Frechdachs! Lass mich doch überlegen. Schließlich möchte ich dir nicht irgendeine, lapidare Zauberfrage stellen, sondern eine wirklich wichtige." 

"Flunkere mich nicht an! Alle Menschen wollen die Zauberfrage stellen, alle. Und du bist sicher keine Ausnahme. Was hättest du dir denn gewünscht, wenn ich zaubern könnte?" 

Wieder verfiel ich in nachdenkliches Schweigen. Es gab so vieles, was ich mir wünschen würde. Doch ich konnte nichts erwidern. Jeder Wunsch erschien mir nichtssagend. 

Gab es einen Wunsch, der all das, was ich wollte auf den Punkt bringen könnte? Gab es den einen Wunsch, der all das auszudrücken vermochte, was ich mir von meinem Leben wünschte? Ich hatte noch nie darüber nachgedacht. Was würde mich denn wirklich glücklich machen? 

Unsere Blicke trafen sich. Sie hatte grüne Schlitzaugen, die sich nach hinten leicht anhoben. Ihre Nase war schmal und gerade. Ihr Mund war voll, geschwungen und von einem sanften Wassermelonenrot. Die langen, blonden Haare fielen ihr offen über die Schultern. Das Kleidchen, das sie trug hatte den gleichen Farbton wie ihre Lippen und wurde an der Hüfte mit einem schmalen Gürtel zusammengehalten. 

Ihr Blick hielt mich gefangen und eine kribbelnde Wärme machte sich in meinem Bauch breit. Gleichzeitig wurde ich ruhig und schläfrig. Doch ich wollte nicht schlafen. Ich wollte über die Frage des kleinen Fabelwesens nachdenken. Ich mühte mich, wach zu bleiben. Es gelang mir jedoch nicht ganz.

Sanft rutschte ich in einen dämmrigen Zustand zwischen den Welten. Es war kein Schlaf, doch wach war ich auch nicht. Was war das? Hypnose? 

"Du bist im Traumland", hörte ich die Stimme des Feenwesens wie ein leises Echo in meinem Kopf. "Du musst träumen, um deine Wünsche zu erfassen. Dein Kopf kann dir nicht weiterhelfen. Wünsche erfasst man mit dem Herzen und im Traumland, wenn alle Gedanken ruhen, hat man den direktesten Zugang dazu." 

Sie hatte recht, das spürte ich instinktiv. Ich wusste nicht warum oder woher ich das wusste. Aber es war ein starkes Gefühl von Klarheit in mir. Es war eine Klarheit, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte. Wenn ich einen Vergleich dafür suchen würde, dann war es als wenn man eine fettverschmierte Brille nach Jahrzehnten das erste Mal geputzt hätte. Als könnte ich das erste Mal in meinem Leben wirklich sehen.

Doch womit sah ich? Die Antwort war frappierend einfach: Mit meinem Herzen. 

Und was sah ich? Das war wiederum nicht so einfach, denn ich sah nur eine wunderschöne, blaue Farbe. Die Farbe des Himmels an einem Sommertag! Ich sah einen wolkenlosen, azurblauen Himmel. Woher wusste ich jetzt, dass es ein Himmel war? Ich wusste es einfach. Es gab dafür keinen Anhaltspunkt. Aber es war sonnenklar, dass das, was ich hier sah, der Himmel war. 

Wie wunderbar einfach gestaltete sich in diesem Zustand das Sein. Die Antworten auf meine Fragen hopsten sofort in den Gedankenraum und es war so leicht zu erkennen, dass sie richtig waren. Ja, es stellte sich nicht einmal die Frage, ob sie richtig waren. Sie waren meine Antworten und sie kamen aus meinem Herzen.

Das war das wunderschönste Gefühl, das ich jemals hatte! 

Ich staunte so sehr, dass mein Mund offen stand und ich hörte das Feenwesen neben mir lachen. 

"Ihr seid schon komisch ihr Menschen. Warum habt ihr so wenig Zugang zu eurem Herzen? Es ist doch so leicht, so kinderleicht!" 

Obwohl ich mich betroffen fühlte, musste ich lächeln. Es war nicht leicht! Zumindest war es mir bisher nicht leicht vorgekommen. Und jetzt, wo ich es fühlte, war es jetzt leicht? Was würde passieren, wenn ich aus meiner Trance zurückkam. Könnte ich dann immer noch so spielerisch einfach meine Wünsche fühlen und vor allen Dingen könnte ich sie leben? 

Die kleine Fee empört sich: "Du kannst doch nicht gegen dein Herz leben!" 

Ich verstand, was sie sagen wollte. Aber, konnte ich so einfach MIT meinem Herzen leben? Tränen des Schmerzes stiegen mir in die Augen. Mein Herz begann zu rasen, als ich versuchte meine Gefühle wegzuschieben. Der Druck in meiner Brust wurde unerträglich und ich bekam es gehörig mit der Angst zu tun.

"Mensch!", rief die kleine Fee und ich fühlte mich logischerweise sofort angesprochen, "Mensch, lass los!" 

Selbst wenn ich es probiert hätte, ich hätte nicht antworten können. Mein Brustkorb zog sich zusammen. Verzweifelt drückte ich meine Fäuste gegen die Schläfen, um den Kopf abzuschalten. Loslassen?! Ich wollte ja, aber es ging nicht. Der Weg zu meine Lunge verengte sich beängstigend. Nichts kam heraus und nichts herein. 

Die kleine Fee krabbelte mit einer fast unwirklichen Geschwindigkeit an mir hoch und biss mit voller Wucht in meinen Daumen. Die Tränen liefen mir jetzt erst recht über die Wangen und ich holte tief, sehr tief Luft, um loszuschreien. 

"Auuuuu!" Ich schüttelte meine Hand, um diesen so völlig anderen Schmerz los zu werden. "Auuu, verdammt, verdammt noch mal!" Ich lutschte an der Wunde und langsam wurde das Quiemen weniger. 

Durch einen Schleier aus Tränen blinzelte ich sie an. "Danke, das war Rettung in höchste Not. Leider hast du mich aus dem Traumland katapultiert. Ich hatte die Frage nach meinen Wünschen noch nicht gestellt." 

Sie legte den Kopf schief und sah mich nachdenklich an. "Glaub ich nicht, dass du sie noch nicht gestellt hast."

"Hmm?" Der Daumen fluppte mit einem schmatzenden Geräusch aus meinem Mund. 

"Überleg doch mal…." Sie schnipste gegen meine Hose, denn sie saß jetzt wieder in der Kniekehle. 

Ich kniff nachdenklich die Lippen zusammen. 

Sie stöhnte ungeduldig: "Oh man, ihr Menschen seit aber auch zu komisch. Da präsentiert sich euch die Antwort auf dem Silbertablett und ihr seht sie nicht. Was glaubst du, warum dein Herz eben rebelliert hat?" 

Jetzt legte sich auch meine Stirn fragend in Falten. 

Die kleine Fee kippte stöhnend nach hinten und haute sich mit der flachen Hand an vor den Kopf. "Ich fass es nicht! Lieber Gott, ich fass es einfach nicht!" Ihr Kopf hob sich und ihre Auge wurden zu schmalen Schlitzen. "Also noch mal. Schau mich an." 

Wieder fixierte mich ihr Blick und ich rutschte augenblicklich ins Traumland hinüber. Das kam plötzlich und meine Gedanken verhedderten sich. Sollte ich jetzt die Frage nach meinen Wünschen stellen? Wollte ich sie überhaupt stellen? Im Moment wusste ich gar nicht mehr, ob ich eigentlich im Traumland sein wollte, in dem Land, das mir so klare Antworten gab. Wollte ich Klarheit? Ich versuchte zurück an die Oberfläche zu kommen. Lieber wollte ich mir Gedanken machen! Das war wesentlich einfacher, als Wünsche zu fühlen.

Doch ganz tief drinnen sagte mir etwas, dass es gut sein würde, noch einen Moment - nur für ein bis zwei Fragen - im Traumland zu verweilen. Außerdem spürte ich die kleine Hand der Fee, die mir sacht über das Knie strich und dann beruhigend darauf herumtätschelte. 

Das kurze Aufbäumen war vorbei. Was wollte ich noch gleich wissen? Mir schoss die Frage der Fee in den Kopf. Sie drängelte sich nach Vorne, als ob sie wichtig wäre und ließ sich nicht beiseite schieben: "Was glaubst du, warum dein Herz eben rebelliert hat?" Ja, warum verdammt hatte es das getan?

Sofort schummelten sich mir wieder Tränen in die Augen. Doch dieses Mal konnte ich sie fließen lassen. Dann sah ich mein Herz vor mir in der Luft schweben. Es klopfte fest und stark. Es war ein starkes und gesundes Herz. Doch es war tatsächlich sehr traurig. Verdammt, es war traurig und ich hatte es nie gemerkt. Großes Mitgefühl breitete sich in mir aus. 

"Was hat dich so traurig gemacht?!", sprach ich es an. 

"Ich fühle mich überflüssig", sagte mein Herz voller Schmerz. 

"Überflüssig?", fragte ich erstaunt. 

"Ganz genau. Ich klopfe für dich - tagein, tagaus. Ich fühle für dich - tagein, tagaus und alles, was du tust ist, mich zu verneinen. Du ignorierst deine Gefühle. Manchmal glaube ich, du möchtest mich am liebsten ausschalten." 

"Nein!", sagte ich erschrocken, "Ich will dich nicht ausschalten. Ich brauche dich doch, um zu leben." 

"Dann tu es!", erwiderte das Herz. 

"Wie meinst du das? Tu es?" Ich war verwirrt. 

"Fühle dich! Und dann lebe dich!" Das waren klare Aufforderungen. Doch ich konnte sie nicht annehmen. 

"Ich lebe doch! Und fühlen? Du hast ja gesehen, was dann passiert. Diesen Herzschmerz kenne ich fast mein Leben lang. Ich glaube, ich lebe lieber ohne Wünsche weiter." Es tat weh, mein Herzens so traurig zu sehen. Wieso konnte das so weh tun?

"Der Schmerz, den du spürst, ist Sehnsucht. Alles, was dir bleibt, wenn du dein Herz ignorierst." Die Worte der Fee schlichen sich im Hintergrund in meinen Kopf. "Schau noch genauer hin!"

Die Aufforderung genauer hinzuschauen versetzte mich geradezu in Panik. Wütend polterte ich los. "Ich spreche doch mit meinem Herzen. Aber ich verstehe es nicht! Hol mich hier raus. Es tut weh'. Vorhin war alles so leicht und jetzt ist es einfach nur blöd hier. Hol mich sofort raus!" 

Das Bild der Fee wurde klarer und ich konnte sie schließlich wieder richtig erkennen. 

"Puh. Das war grausam." Ich legte mein Gesicht in die Hände und rieb kräftig. Dann hob ich den Kopf und schaute der Fee in die Augen. 

Die kleine Madame zog die Brauen in die Höhe. "Kannst du nicht verstehen, oder willst du nicht verstehen?" Ihre Worte dehnten sich provokativ in die Länge. 

"Na hör mal!" Was bildete sie sich eigentlich ein? 

"Du hast scheinbar Angst dich zu fühlen. Deshalb verkrampfst du. Dann hopst du vom Traumland ins Denkland. Dort ist der Draht zu deinem Herzen schwach", erklärte sie mir, "deshalb verstehst du es nicht."

Meine Augen weiteten sich. "Ist es deshalb traurig?" 

"Vielleicht", meinte sie zögernd. "Traust du dich nochmal zurückzugehen?"

Nach einem langen Moment nickte ich. Ich musste herausfinden, was hier Sache war. Die Neugier war stärker als die Angst und vor allem war sie stärker als mein Trotz. "Okay. Dann bring mich zurück."

"Du bist mutig", sie nickte anerkennend. Diesmal brachte sie mich noch schneller an den altbekannten Platz. 

Mein Herz war verschwunden, doch der blaue Himmel, der war noch da. Wieder sah ich in diese unglaubliche, blaue Weite. 

"Was fühlst du?", fragte die Fee. 

"Freiheit", sagte ich ohne zu zögern, "Weite und Endlosigkeit." Eine tiefe Ruhe erfasste mich.

"Wie fühlt es sich an?", fragte sie weiter. 

"Wunderschön!", antwortete ich und diesmal stiegen mir Tränen der Freude in die Augen. 

"Woher weißt du, wie es sich anfühlt?", war die nächste Frage, die ich vernahm. 

"Weil mein Herz es mir sagt!", meinte ich fast ungläubig. In diesem entspannten Zustand verstand ich mein Herz hervorragend. Und da war null Angst. Ganz im Gegenteil, es war ein unglaubliches Gefühl - ein vertrautes Gefühl. Warum nur hatte ich so eine Angst davor gehabt? Ich schaute mich um und da sah ich es. Über mir in dem unendlichen Blau schwebte mein Herz.

"Was denkst du, warum die Menschen glauben, dass der liebe Gott im Himmel wohnt?" Die Stimme des kleinen Wesens war ganz sanft und leise. 

"Weil mein Herz im Himmel schwebt?", fragte ich kichernd. 

Die Fee lachte mit mir. "Das trifft es fast. Jede Seele sucht die unendliche Weite. Genau das, was du eben so instinktiv erfahren hast. Vor eurer Geburt seid ihr Seelen frei. Wenn ihr geboren werdet, tretet ihr in die vermeintliche Enge ein, in einen menschlichen Körper."

"Du meinst, sie will nach Hause?" 

"So kann man es sagen", stimmte die Fee mir zu. "Aber ihr denkt nur, dass ihr hier die Weite nicht spüren könnt. Wenn du das einmal begriffen hast, kannst du die Freiheit leben. Ahnst du, wie es geht?" 

"Hat es etwas mit meinem Herzen zu tun?", fragte ich nachdenklich. 

"So ist es", kam die Antwort. 

"Was?", fragte ich ein wenig verunsichert. 

"Schau noch mal hin!", forderte das kleine Fabelwesen mich freundlich auf. 

Ich sah angestrengt in den Himmel und auf mein Herz, das dort schwebte. Es war wie ein Sog und plötzlich nahm ich die gleiche Weite in mir drinnen wahr. Es fühlte sich an, als wenn mein Brustkorb sich bis ins Unendliche ausdehnte. Und mein Herz war mir so nah wie nie zuvor. Eine Gänsehaut lief mir über den ganzen Körper. "Durch mein Herz kann ich die Unendlichkeit spüren. Und", ich hielt die Luft an, "und wenn es weit ist, spüre ich enorme Stärke und ... Liebe! Ist das schön!"

"Weißt du jetzt deinen Wunsch?", fragte sie sanft.

Die Antwort entstand wie aus der Pistole geschossen und fast bevor ich mir selber klar darüber war, sprach ich sie aus: "Ich möchte nie wieder Angst vor meinem Herzen haben. Im Gegenteil: Ich möchte ihm so nah sein, dass ich es immer verstehe. Klar und deutlich. Es soll nie wieder traurig sein, weil ich es vernachlässige. Dann wird es eng und zieht sich zusammen." Nachdem ich das ausgesprochen hatte, entschwand das Traumland ganz von alleine. Was war nun? 

Die kleine Fee lehnte an meinem Bein und kaute genüsslich auf einem Federkiel. "Na, das ist doch klar: Wenn du deinem Herzen nahe bist, lebst du hier genauso klar wie dort und alle Antworten werden dir einfach so in den Sinn hopsen. Dann sind Traumland und Denkland eins."

Ich war ganz ruhig geworden und tief berührt. "Dieser kuriose Schmerz, den du Sehnsucht nennst ... ich habe ihn nicht verstanden. Ich dachte, wenn ich ihn ignoriere ist es einfacher. Aber die Sehnsucht bleibt. Und es ist genau umgekehrt. Wenn mein Herz weit ist, weil ich mir nah bin, dann vergeht der Schmerz."

"Ja", meinte sie und gähnte, "aber jetzt weißt du es. Du hast es gefühlt, oder?" 

Ich nickte mit Nachdruck: "Ich spüre es immer noch. Hier... ." Meine Hand legte sich wie von selbst in die Mitte meines Brustkorbs, direkt über mein Herz. "Meinst du, ich könnte es wieder vergessen?" 

Sie überlegte kurz: "Schau doch öfter mal in den Himmel! Und dann lege deine Hand auf das Herz und sorge dafür, das die gleiche Weite in dir ist. Mehr brauchst du nicht zu tun. Aber glaub mir, das ist ein Job fürs Leben." 

Meine Mundwinkel zogen sich nach oben. "Das ist eine schöne Idee. Und: Ich nehme die Herausforderung hiermit an!" 

Die Fee lächelte ebenfalls verträumt: "Du bist dir viel näher, Menschenkind. Ich freue mich sehr für dich." 

Ihre Stimme kam von weit, weit her. Ganz langsam kam der See wieder in mein Blickfeld und wurde klarer. Der Schwan zog immer noch seine Bahnen. Er war jetzt nah bei mir und blickte mich an. Ich grinste und wenn das irgendwie möglich ist, dann grinste der Schwan zurück. Sein tierischer Geist berührte für einen Moment den meinen und da wusste ich, dass er ein Mittler zwischen den Welten war.


© Ilka Schiller